Historie


Berlin im Herbst 1918. Der Erste Weltkrieg befindet sich in seiner schrecklichen Schlussphase, die militärische Niederlage der Deutschen ist nur noch eine Frage von Wochen, das Kaiserreich taumelt seinem Ende entgegen. Ein junger Mann aus Breslau aber blickt mutig nach vorn. Er hat seine patriotische Pflicht in der Armee getan, nun will Hans Adler Unternehmer werden. Die klassische Musik ist sein Gebiet, und der 27-Jährige ist bestens vorbereitet. In seiner Heimatstadt hat er bei der Musikalienhandlung Hoppe sowohl das Handwerk des Musikalienhändlers sowie des Verlagskaufmanns gelernt. Bei dem sich anschließenden Klavier-Studium in Brünn konnte er zudem intensive Kontakte in die Künstlermetropole Wien knüpfen.

Hans Adler ist kein Glücksritter – er verfügt über ein Startkapital von 70 000 Goldmark. Zunächst spielt er mit dem Gedanken, den traditionsreichen Leipziger Peters-Verlag zu kaufen, dann aber entscheidet er sich für eine Karriere als Impresario und Konzertveranstalter und gründet am 1. Oktober 1918 die Konzert-Direktion Hans Adler – doch als er bei der Arbeitsvermittlung eine Lizenz beantragt, rät ihm der zuständige Beamte, sich diese Idee lieber schnell wieder aus dem Kopf zu schlagen: In ein paar Wochen würde seine Firma sowieso verstaatlicht. Kein Geringerer als der Komponist Richard Strauss war es, dessen Unterstützung schließlich die offizielle Anerkennung der neu gegründeten Firma ermöglichte. 

Der Markt für Klassik in der Reichshauptstadt ist alles andere als einfach. Hans Adler muss sich starken Konkurrenten stellen, allen voran der legendären Louise Wolff, die mit ihrem 1902 verstorbenen Mann Hermann einen maßgeblichen Anteil daran hatte, dass sich die Berliner Philharmoniker vom Provinzorchester zur weltweit begehrten Spitzenformation entwickeln konnten. Als Hans Adler bei der Vossischen Zeitung Inserate für seine ersten Konzerte schalten möchte, erklärt ihn der Anzeigenvertreter für verrückt. Doch der Jungunternehmer lässt sich nicht Bange machen, ja, es gelingt ihm sogar, einige Künstler von der Agentur Wolff & Sachs zu übernehmen.

 

Sein Debüt als Berliner Konzertveranstalter gibt Hans Adler mit einem Liederabend: Der weltberühmte Pianist Artur Schnabel sitzt am Flügel, seine Gattin, die Altistin Therese Schnabel singt. Schon bald gehören weitere Klaviervirtuosen zu seinen Klienten, wie Walter Gieseking, Eduard Erdmann und Alfred Cortot. Mit Richard Strauss veranstaltet Hans Adler ebenso Konzerte wie mit Bruno Walter. Wobei er feststellen muss, dass die größten Namen nicht automatisch den größten Gewinn abwerfen. Für den 5. Dezember 1925 kann Hans Adler das Deutschland-Debüt eines sensationell begabten jungen Russen ankündigen: Vladimir Horowitz. Er spielt Tschaikowskys Klavierkonzert unter der Leitung von Oskar Fried – allerdings ohne großen Erfolg beim Publikum. Der Weltruhm sollte sich erst später einstellen. Ebenfalls Mitte der 20er Jahre organisiert Hans Adler mit Oskar Fried und dem Blüthner-Orchester den weltweit ersten Gustav-Mahler-Zyklus.

 

Zu Paul Hindemith, den Hans Adler zunächst als Bratscher des Amar Quartetts kennenlernt, entsteht eine enge Verbindung. Viele Jahre wird er den dirigierenden Komponisten im Konzertbereich vertreten. Der Festschrift zum 40-jährigen Firmenjubiläum steuert Hindemith eine eigenhändige Zeichnung bei, auf dem ein Dirigent zwei Adler betrachtet, die auf einem Ast sitzen. Darunter sind die Worte zu lesen: »Paul Hindemith, unaufhörlicher Adler- Klient«.

 

1920 heiratet Hans Adler Herta Kaupe, eine Künstlerin, die in Düsseldorf, Berlin und München Malerei studiert hatte. Zunächst befinden sich Büro und Privatwohnung des Ehepaares in der Münchner Straße 3 in Schöneberg. 1928 erfolgt der Umzug in die Speyerer Straße 12, gleich um die Ecke. Hier kommt kurz darauf der Stammhalter zur Welt, dem die Eltern – nach einem Roman von Adalbert Stifter – den Vornamen Witiko geben. Sieben Jahre später wird seine Schwester Floriane geboren. »Ich heirate Dich, aber nicht die Firma!«, hatte Herta Kaupe ihrem Hans bei der Eheschließung erklärt. Doch in der Praxis verlangte die Firma ihren Tribut: »Wenn Not am Mann war, half sie natürlich aus«, erzählt Witiko Adler, »und wuchs so in die Firma hinein.« Dennoch gab Herta Adler die Malerei nie auf, schuf bis zu ihrem Tod 1985 an die 1000 Zeichnungen und Gemälde.

 Witiko Adler wächst in einem anregenden künstlerischen Umfeld auf, begeistert sich zunächst vor allem für die Architektur. Nachdem er 1945 zum Wehrdienst eingezogen wurde und die letzten Schlachten des Zweiten Weltkriegs glücklich überlebt hat, knüpft er nach bestandenem Abitur Kontakte zum Sohn des berühmten Baumeisters Hermann Muthesius, der ihn in seinem Büro aufnehmen will. Doch dann wird beim Vater Knochen-Tuberkulose festgestellt. 1948 stirbt der Firmengründer mit nur 57 Jahren. »Die Jahre der Naziherrschaft hatten seine Gesundheit zerrüttet «, erzählt Witiko Adler. Denn seine Eltern waren dem System gegenüber von Beginn an kritisch eingestellt. So lange es möglich ist, halten Adlers zu ihren jüdischen Künstlern, setzen sich für jene, die vom System drangsaliert wurden, ein. »Als 1943 jemand aus dem Propagandaministerium meinen Vater anrief und verlangte, einen geplanten Abend mit der Ausdruckstänzerin Palucca abzusagen und den Generalvertretungsvertrag mit ihr aufzukündigen oder man werde die Firma schließen, erklärte mein Vater: Das geben Sie mir bitte schriftlich – sonst tanzt die Palucca. Und sie ist aufgetreten.«

Nach dem Tod ihres Mannes möchte Herta Adler die Konzertdirektion schließen; das Haus in der Speyerer Straße ist von Bomben zerstört, der gesamte Aktenbestand verbrannt. Doch der Sohn opponiert: »Wir machen die Firma zu, wenn wir drei Mal pleite waren!« Der 20-Jährige lässt sich von den Amerikanern für volljährig erklären und macht sich daran, das Unternehmen in die neue Zeit zu führen. Er begleitet Alfred Cortot, den Starpianisten und Freund der Familie, auf Gastspielreisen, um in der Praxis zu lernen, welche Art von Betreuung Künstler zu schätzen wissen. Er organisiert seine erste eigene Tournee für das Quartetto di Roma mit 20 Konzerten in Westdeutschland. Und er beweist unternehmerisches Gespür: »Wir hatten im Herbst 1948 mit dem Dirigenten Franz Marschalik ein Operetten-Konzert geplant und den Titania-Palast reserviert. Als am 24.10. die Todesnachricht des Komponisten Franz Lehár kam, erklärten wir das Konzert zur Gedenkveranstaltung für Lehár und nahmen 18 Mark Eintritt, damals den Superhöchstpreis. Trotzdem war der Abend im Handumdrehen ausverkauft und wir konnten sogar ein Wiederholungskonzert machen.«

Noch vor seinem Tod hatte Hans Adler Kontakt zum großen Otto Klemperer geknüpft, den er nach Kriegsende erstmals wieder zu den Philharmonikern vermittelte. Der Sohn übernimmt diese Geschäftsbeziehung, die bis zu Klemperers Tod 1973 andauern wird. Auch mit Friedrich Gulda entwickelt sich eine jahrzehntelange Zusammenarbeit, nachdem Adler den gerade 19-Jährigen 1950 erstmals in Berlin präsentiert hat. Und er erhält die Deutschland-Vertretung für Yehudi Menuhin. Der Geiger, dessen Weltkariere 1925 in Berlin begann, war 1947 der erste international bekannte jüdische Künstler, der wieder in Deutschland auftrat. Fünf Jahrzehnte lang wird die Zusammenarbeit von Adler und Menuhin halten, bis zum Tod des großen Humanisten 1999.


»Mein Ziel war es«, sagt Witiko Adler rückblickend, »sowohl jene großen Interpreten nach Deutschland zurückzuholen, die von den Nazis vertrieben worden waren, als auch eine neue Generation von Künstlern aufzubauen.« Als erste amerikanische Formation bringt er Anfang der Fünfzigerjahre das Philadelphia Orchestra mit dem Dirigenten Eugene Ormandy in die geteilte Stadt. Und er knüpft Kontakte zum Teatro Colon in Buenos Aires, vermittelt viele deutsche Opernsänger und Dirigenten nach Argentinien. 1963 arrangiert Adler dann das Berlin-Debüt eines Pianisten, der in dem südamerikanischen Land geboren wurde: Daniel Barenboim. Ihn hatte er bereits 1954 kennengelernt, als der gerade einmal 11-Jährige in Salzburg an einem Dirigierkurs des Adler-Künstlers Igor Markevitch teilnahm. Bis heute ist Barenboim der Konzert-Direktion Hans Adler treu geblieben. Ebenfalls außergewöhnlich lang und intensiv war die Zusammenarbeit mit dem 2009 aufgelösten Beaux Arts Trio oder auch dem bis 1987 existierenden Amadeus Quartett.

Ob Claudio Abbado, Lorin Maazel, Seiji Ozawa, Bernard Haitink oder Zubin Mehta – Witiko Adler hat sie alle erstmals nach Deutschland geholt. Auch das Probespiel von Anne-Sophie Mutter für Herbert von Karajan hat er 1976 arrangiert. In den folgenden Jahren wurde dann die Weltkarriere der jungen Geigerin von der Konzert- Direktion Hans Adler aufgebaut.

1954 ist ein wichtiges Jahr in der Geschichte der Konzert-Direktion Hans Adler. Zum einen ziehen Firma und Familie vom Bayerischen Platz in einen repräsentativen Schmargendorfer Altbau, den bis heute bestehenden Firmensitz; zum anderen verändert Witiko Adler mit der Erfindung des »Pro Musica«-Zyklus' das Berliner Konzertleben der Nachkriegszeit: »Bis dahin existierte überhaupt keine Abonnement-Reihe für Kammermusik in der Stadt, alle Veranstaltungen in diesem Bereich wurden einzeln frei verkauft«, berichtet der Firmenchef. »Die Tatsache, dass wir im Nu ausabonniert waren, bestätigte uns, dass wir ein Bedürfnis beim Publikum richtig erkannt hatten.« Bald kam mit »Pro Arte« eine eigene Reihe für Klavierabende hinzu. Unter dem Titel »Musikalische Akademie« wurde, nach der Eröffnung der Philharmonie, eine Serie von Orchesterkonzerten zusammengefasst, die bis heute – ebenso wie die Reihe der »Meisterkonzerte « – erfolgreich in Berlin veranstaltet wird. Seit 1960 verfügt die Berliner Firma außerdem über ein zweites Standbein in Nordrhein-Westfalen: die traditionsreiche Westdeutsche Konzertdirektion in Köln.

1985 entschließt sich Jutta Adler, geborene Riedel, auf Bitten ihres späteren Mannes, in die Geschäftsführung einzutreten. Kennengelernt hatten sich die Beiden bereits in Jugendtagen – arbeitete Jutta Adler doch zuvor im Geschäft ihrer Eltern, als Mitinhaberin der 1910 gegründeten Musikalienhandlung Riedel in der Uhlandstraße. Sie ist heute maßgeblich für das aktuelle Tagesgeschäft der Konzert-Direktion Hans Adler verantwortlich.

Die in Eigenregie – und auf privates finanzielles Risiko! veranstalteten Konzertreihen bilden den sichtbarsten Teil der Arbeit der Konzert-Direktion Hans Adler. Hinzu kommen zwei weitere Bereiche, in denen die Firma aktiv ist; zum einen die Vermittlung von Künstlern an andere Veranstalter und Durchführungen von Orchestertourneen weltweit, zum anderen die so genannten Arrangementskonzerte, bei denen Künstler, Chöre oder Ensembles für ihre Konzerte auf das Knowhow von Adler zurückgreifen. Hier kümmert sich die Konzertdirektion dann um alles Organisatorische von der Anmietung des Saals bis zur Erstellung der Programmhefte.

Natürlich soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Treue und Verbundenheit des großen Abonnentenstamms seinen maßgeblichen Anteil am erfolgreichen Fortbestehen der Konzert-Direktion Hans Adler hat. Und selbst wenn in der Zwischenzeit zahlreiche technische Neuerungen den Kartenkauf erleichtern, werden sich Abonnenten und Konzertbesucher mit ihren Fragen und Rückmeldungen immer direkt an die Konzert-Direktion Hans Adler wenden können. Die persönliche Beratung und Betreuung durch Mitarbeiter und Firmeninhaber war und bleibt ein wichtiger Teil der Firmenphilosophie.