Igor Levit Ivan Fischer Interview

Im Fokus: igor levit und iván fischer

Ein Triumphzug durch Prokofjews Kosmos

Ein Konzertzyklus der Extraklasse: An drei aufeinanderfolgenden Abenden spielt Igor Levit die fünf Klavierkonzerte von Sergej Prokofjew – gemeinsam mit dem Budapest Festival Orchestra unter der Leitung von Iván Fischer. Ein Mammutprojekt, das die gesamte kompositorische Entwicklung des russischen Meisters nachzeichnet.

Wer hatte diese Idee? Warum macht ein Prokofjew-Zyklus Sinn? Wie schwierig ist es – körperlich und geistig –, sich darauf vorzubereiten? Auf unsere Einladung hin kommen der Pianist Igor Levit und der Dirigent Iván Fischer zusammen und sprechen mit der Musikjournalistin Shelly Kupferberg über diesen Zyklus.

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Iván Fischer © Marco Borggreve

Shelly Kupferberg: Lieber Igor, lieber Iván, wir möchten gern einen Blick hinter die Kulissen dieses Projekts mit Ihnen werfen. Können Sie uns ein bisschen mitnehmen? Wer hatte denn eigentlich die Idee zu diesem Prokofjew‑Zyklus?


 

Iván Fischer: 

Es ist in einem Gespräch mit Igor entstanden, in München, als wir zusammengearbeitet haben. Ich fand das wunderbar, weil es so schön ist, einen Komponisten mehr kennenzulernen, dadurch dass konzentriert viele Stücke von ihm aufgeführt werden. Es ist ähnlich wie wenn ein Museum eine Ausstellung eines Künstlers macht: Wir gehen hinein und sehen nicht ein Gemälde, sondern eine große Anzahl von Kunstwerken. 

Dann hat man wirklich Kontakt zum Komponisten und kann sehr tief die Musik – in diesem Fall von Prokofjew – verstehen. Vor allem, dass Igor jetzt alle fünf Klavierkonzerte von Prokofjew aufführt, ist eine einmalige Gelegenheit, Prokofjew und seine Klavierkonzert-Kunst wirklich kennenzulernen.

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Igor Levit © Peter Rigaud

Shelly Kupferberg: Das wird man in jedem Fall. Igor, Sie haben in Interviews schon erzählt, was Sie an diesem Prokofjew‑Zyklus, an den Werken für Klavier, reizt: diese emotionale und musikalische Bandbreite, ein Kaleidoskop an Emotionen – ähnlich den Beethoven‑Sonaten, wo wir als Hörende, aber auch Sie als Musiker, von einer Emotion in die nächste geworfen werden, zwischen Schönheit und Schroffheit. Fünf Klavierkonzerte an drei Abenden – die es technisch ja durchaus in sich haben. Wie bereiten Sie sich auf so etwas vor? Das ist doch auch eine wahnsinnige mentale und körperliche Anstrengung.


 

Igor Levit:

Also zuallererst: Ich glaube, viele Hörerinnen und Hörer werden mir da zustimmen – die Vorbereitung auf ein sehr anspruchsvolles Projekt, sei es ein künstlerisches Projekt, ein Beruf oder ein sportliches Projekt: Je schöner das Projekt, desto leichter ist die Vorbereitung. Natürlich ist die zyklische Aufführung dieser fünf Klavierkonzerte anspruchsvoll. Sie sind mal mehr, mal weniger pianistisch sehr fordernd. Prokofjew war ein brillanter Pianist, er hatte sehr hohe Ansprüche an sich selbst, aber auch an zukünftige Interpreten gestellt. Man muss viel üben und viel arbeiten, aber diese Stücke zu spielen macht wahnsinnig viel Spaß. Es ist aufregend und abwechslungsreich, sodass Stunden der Arbeit sich wie Minuten anfühlen. 
 
Also – so anstrengend ist das gar nicht, sie zu spielen, eben weil es so viel Spaß macht. Der Abwechslungsreichtum, den Sie beschrieben haben, diese Reaktionsschnelligkeit, erfordert von Interpreten viel Mut, eine Portion Chuzpe und Nonchalance in interpretatorischer Weise. Diese Geschwindigkeit, mit Bildern und Emotionen umzugehen, ist mir sehr nah. Mit der Erfahrung der dreimaligen Aufführung des Zyklus und jetzt der viermaligen Aufführung mit dir, lieber Iván, und deinem wunderbaren Orchester, kann ich sagen: Diese Art der Musiksprache ist uns allen sehr nah. Und ja, das wird hier in Berlin eine ziemlich einmalige Geschichte.
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Iván Fischer © Marco Borggreve

Shelly Kupferberg: Mut, Chuzpe, Nonchalance – all das hat Igor gerade angesprochen. Iván, wie hat denn das Orchester reagiert, als Sie mit dem Vorschlag kamen, mit diesem Großprojekt Prokofjew in Berlin aufzutreten, zusammen mit Igor Levit? Haben alle gleich gesagt: super, wunderbar, wir sind dabei? Oder stellten sich da auch Fragen in Sachen Herausforderung?


 

Iván Fischer:

Ich glaube, es war ein großer Enthusiasmus, weil Prokofjew einer der vielseitigsten Komponisten ist. Es gibt Komponisten, die immer Ähnliches schreiben – ich kann mir zum Beispiel kaum vorstellen, drei Abende Bruckner‑Symphonien aufzuführen, weil sie sehr ähnlich klingen würden.

Bei Prokofjew ist das anders: Er hat sehr viel und sehr unterschiedlich komponiert. Die fünf Klavierkonzerte sind extrem individuell – man würde kaum glauben, dass etwa das zweite Klavierkonzert vom selben Komponisten stammt wie das vierte oder fünfte. Ganz unterschiedliche Werke. Auch in den Orchesterwerken hören wir Prokofjew von allen Seiten: von seiner wunderbaren Kindermärchenerzählung »Aschenputtel« bis zur großen Symphonie. Man bekommt ein sehr reiches Bild. Ich würde allen, die sich wirklich für Prokofjew interessieren, empfehlen, zu allen drei Konzerten zu kommen – dann hat man ein vollständiges Bild von Prokofjew.

Im Video:

Igor Levit 

gibt persönliche Konzerteinführungen und stellt die Höhepunkte der Klavierparts sämtlicher Klavierkonzerte von Sergej Prokofjew vor!

Hier geht's zu den Videos

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Iván Fischer © Marco Borggreve

Shelly Kupferberg: Dann ist man sicherlich gut ausgestattet mit Wissen und einem Gespür für das Werk Prokofjews. Sie mussten sich ja auch für symphonische Werke entscheiden. Bei den fünf Klavierkonzerten kann man sagen: Das ist die Wahl des Pianisten. Wie ist das bei den symphonischen Werken? Nach welchen Kriterien haben Sie diese ausgesucht? Was hat Sie interessiert?


 

Iván Fischer:

Die Vielfalt hat mich interessiert. Zum Beispiel die spritzige, virtuose Klassische Symphonie – das ist sein neoklassizistischer Stil. Sie hat sehr wenig mit der Fünften Symphonie zu tun, die eine große, sehr ernste Symphonie ist. Und dann hat Prokofjew sehr viel für Tänzer geschrieben: Wir haben ein Ballettstück aus »Aschenputtel« aufgenommen – total andere Musik als die anderen beiden. Ich möchte zeigen, wie vielfältig Prokofjew ist.

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Igor Levit © Peter Rigaud

Shelly Kupferberg: Diese Vielfalt spiegelt sich auch in den fünf Klavierkonzerten wider, die wir hören werden. Igor, ich kann mir vorstellen, dass ein solches Projekt viel Vertrauen zueinander braucht. Wie gut kannten Sie sich eigentlich, bevor Sie diesen Prokofjew‑Zyklus in Berlin geplant haben, und was schätzen Sie aneinander?


 

Igor Levit:

Ich kannte Iván und sein Orchester schon einige Jahre. Wir haben, glaube ich, beim Kissinger Sommer zum ersten Mal zusammen Musik gemacht, das ist etwa 15 Jahre her. Wir haben in Berlin zusammengearbeitet, und auch mit anderen Orchestern. (Iván Fischer: genau.) Ich hatte immer sehr viel Freude daran, mit Iván Musik zu machen. 

Wer mich kennt, weiß, dass ich Orchesterprojekten mit Vorsicht begegne, weil das selten wirklich erfüllend ist. Proben werden oft als Dienst nach Vorschrift gesehen, man fühlt sich als Solist manchmal wie ein notwendiges Übel. Es gibt wenig Probenzeit, vieles ist austauschbar. Aber es gibt diese besonderen Erlebnisse, wo man sich ernst genommen fühlt und wirklich gemeinsam musiziert. Dann gibt es kaum etwas Schöneres, als Klavierkonzerte zu spielen. Mit Iván war das immer so.

Beim Prokofjew‑Zyklus kommt mir mein Hang zum schnellen Tonansatz und zu einer gewissen Schnörkellosigkeit sehr entgegen. Die Reaktionsgeschwindigkeit, Präzision, Angstfreiheit und der Mut dieses Orchesters und Iváns, auch mal einen anderen Weg einzuschlagen, wenn es sich richtig anfühlt, sind einzigartig. Was auf der Bühne passiert, ist im wahrsten Sinne ein Spiel – Musik spielen im allerbesten Sinne. Ich schätze mich sehr glücklich und bin sehr dankbar, diese Partnerschaft leben zu dürfen.

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Iván Fischer © Stiller Akos

Shelly Kupferberg: Iván, Sie sind seit Jahrzehnten eng mit der Berliner Klassikszene verbunden, unter anderem als ehemaliger Chefdirigent des Konzerthausorchesters. Was bedeutet es Ihnen, immer wieder nach Berlin zurückzukommen, besonders für ein so spezielles Projekt wie diese Prokofjew‑Abende?


 

Iván Fischer:

Berlin ist unter den Großstädten sehr interessant, weil es eine internationale Aufgeschlossenheit hat. Es ist nicht zu eng auf die eigenen Dinge fixiert. Berlin ist so etwas wie ein europäisches New York, ein Kulturzentrum, in dem sehr viel stattfindet. Nur in Berlin kann man ein Projekt verwirklichen, bei dem man an drei Abenden hintereinander Werke eines Komponisten spielt. Die Menschen sind hier an Spezialprojekte gewöhnt, und Prokofjew von allen Seiten zu hören, ist eine einmalige Gelegenheit. Jetzt muss man kommen und alle drei Abende hören.

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Igor Levit © Felix Broede / Sony Classical

Shelly Kupferberg: Ich glaube, spätestens jetzt haben Sie die Hörenden überzeugt. Zum Schluss möchte ich Sie beide fragen: Was geben Sie sich gegenseitig mit auf den Weg für diese drei außergewöhnlichen Prokofjew‑Abende?


 

Igor Levit:

Lieber Iván, bleib bitte gesund und sei da. Es gibt kaum ein Projekt in diesem Jahr 2026, auf das ich mich so freue wie auf diesen Prokofjew‑Zyklus in Berlin. Und weil ich weiß, dass ich das mit euch teilen kann, werde ich es umso mehr genießen.

Iván Fischer:

Igor, du machst etwas sportlich Unmögliches, alle fünf Klavierkonzerte zu spielen. Aber für dich wird das kein Problem sein. Wir werden total bei dir sein. Genieße den Moment, die Freude des Musizierens, die Spontaneität. Wir hören auf jede Note und gehen jede Wendung mit. Dann wird dieses Sportliche nicht ermüdend sein.