Im Fokus: Jan Lisiecki
»World (of) Dance«
Der kanadische Pianist Jan Lisiecki wird am 25. Januar 2026 im Prinzregententheater München und am 10. März 2026 im Kammermusiksaal Berlin sein neues Konzertprogramm »World (of) Dance« präsentieren – eine faszinierende Auswahl von Tanzstücken u. a. von Chopin, Piazzolla und Albéniz.
Wir hatten die Gelegenheit, mit ihm über die Entstehung dieses außergewöhnlichen Programms zu sprechen. »World (of) Dance« ist ein Konzept, das sich bewusst von seinem bisherigen Repertoire abhebt. Jan Lisiecki gibt außerdem ganz persönliche Einblicke, und verrät, welches Instrument – das ihn zu diesem Programm inspiriert hat – er schon immer spielen wollte.
Sie haben ein umfangreiches Repertoire von Beethoven, Chopin und Mozart aufgeführt und aufgenommen, aber Ihr Programm »World (of) Dance« wirkt besonders frisch. War das Ihre Idee? Wie ist es entstanden?
Jan Lisiecki:
Meine Programme entstehen meistens auf eine ziemlich glückliche, fast zufällige Weise. Ich starte mit einer Idee und vielleicht einem oder zwei Stücken, die ich unbedingt spielen möchte. Von dort aus beginnt das Programm dann durch Recherche und Nachdenken zu wachsen.
Bei »World (of) Dance« kamen mir sofort bestimmte Tänze in den Sinn – Polonaisen, der Krakowiak, polnische Tänze jenseits von Chopin, und natürlich Tango mit Piazzolla.
Bei weiteren Recherchen habe ich eine unglaubliche Bandbreite an tanzinspirierten Werken entdeckt: Schubert, Ginastera und viele andere Komponisten aus aller Welt. So wurde es eine Reise durch verschiedene Kulturen und Traditionen, und ich freue mich sehr darauf, das mit dem Publikum zu teilen.
Gab es schwierige Entscheidungen – Stücke, die Sie letztlich weglassen mussten?
Auf jeden Fall. Es gibt immer Stücke, die ich unglaublich gern einbauen würde, die aber einfach nicht passen. Zum Beispiel gibt es in diesem Programm keine Chopin-Walzer oder Mazurken. Andererseits hat mich der Prozess auch zu Entdeckungen geführt, die mich herausgefordert haben.
Szymanowskis Polonaise ist ein gutes Beispiel. Ich liebe Szymanowski, aber dieses Stück ist kantig und rau – ganz anders als die Polonaisen von Chopin, die ich gewohnt bin. Das zu lernen und zu akzeptieren war wirklich eine Reise.
Ich finde es wichtig, sowohl mich selbst als auch das Publikum herauszufordern. Vertraute, geliebte Werke zu spielen, ist wunderbar, aber Grenzen zu überschreiten und weniger traditionelle Wege zu erkunden, kann völlig neue Perspektiven eröffnen.
Was fasziniert Sie an den Tänzen von Komponisten wie Chopin, Schubert oder Brahms in diesem Programm? Spielen Sie diese Werke oft?
Interessanterweise habe ich von diesem Programm bisher nur ein Stück öffentlich gespielt. Für mich ist dieses Programm also komplett neu, was sehr spannend ist.
Als Person bin ich nicht wirklich ein Tänzer – ich bin groß, etwas schüchtern, und Tanzen ist nicht mein natürliches Element. In der Musik kann ich mich dagegen frei ausdrücken. Musik gibt mir dieses Gefühl von Freiheit. Am Klavier kann ich Geschichten erfinden und meine eigene Welt schaffen – auf eine Weise, die sich für mich ganz natürlich anfühlt.
Unter dem Titel »World (of) Dance« widmet sich Lisiecki in seinem Klavierabend Tänzen aus verschiedenen europäischen und südamerikanischen Kulturen.
Das Programm enthält viele Tangos, von Piazzolla sowie von spanischen Komponisten wie Albéniz und de Falla. Hören Sie diese Musik regelmäßig, oder gehört sie zu Ihrem Repertoire?
Ja, sehr ... Ehrlich gesagt, habe ich schon immer davon geträumt, ein Instrument wie das Akkordeon zu spielen – besonders das Knopfakkordeon, das mich total fasziniert und gleichzeitig verwirrt. Vielleicht ein Projekt für den Ruhestand.
Im Moment ist das Spielen von Piazzolla am Klavier die nächstbeste Möglichkeit. Diese Musik kenne und liebe ich seit langem – ich habe sie sogar live in Argentinien gehört – und jetzt habe ich die Chance, sie selbst auf der Bühne zum Leben zu erwecken.
Gehen Sie an diese Tanzstücke mit dem Gedanken heran, dass man dazu tatsächlich tanzen könnte, oder erlauben Sie sich mehr Freiheit über die Anforderungen der Tänzer hinaus?
Das ist immer eine wirklich spannende Frage. Spiele ich so, dass man dazu tanzen könnte? Ja, natürlich. Die traditionellen Formen bleiben, die Rhythmen bleiben. Aber es wird nicht unbedingt genau so sein, wie es für Tänzer gedacht wäre. Wir machen das ja nicht für Tänzer – wir machen es für die Musik. Bei jedem Tanz gibt es zwei Aspekte: den Tanz selbst und die Musik. Bei uns steht die Musik im Vordergrund. Das bedeutet, es wird auch Dinge geben, die man sich nur vorstellen kann.
Ich sehe da eine Parallele zu Chopin. Wenn er für Klavier schrieb, dachte er immer an die menschliche Stimme – wie sie klingt, was möglich ist. Würden wir genauso spielen, wie ein Mensch singt, könnten wir viele Dinge in Chopin nicht umsetzen. Es geht um Vorstellungskraft. Man muss diese Grenzen ausreizen.
Dasselbe gilt für diese Tänze. Ich werde die Grenzen austesten. Es wird verschiedene Stile, unterschiedliche Texturen geben, und ich bin sicher, dass es Momente geben wird, in denen man sich das Tanzen gut vorstellen kann. Aber es wird auch Momente geben, die mehr der Form, der Struktur und dem musikalischen Kontext gewidmet sind.
Eine spaßige Frage – stellen Sie sich vor, eine Gruppe Tangotänzer taucht plötzlich bei einem Ihrer Konzerte auf und beginnt zu Ihrem Spiel zu tanzen. Haben Sie sich das schon einmal vorgestellt?
Oh mein Gott, ich glaube, ich wäre total abgelenkt. Ich müsste wahrscheinlich aufhören zu spielen. Tangos sind unglaublich packende Tänze.
Das ist ja das Ziel: Die Frau zieht einen völlig hinein, und der Mann schafft die Struktur im Tanz. Es ist ein unglaublicher Tanz. Ich wäre einfach aus dem Takt und müsste sofort aufhören.
Sie dürfen gern tanzen – ich bin sicher, es wäre unglaublich unterhaltsam und ein unvergesslicher Moment! Ich sage nicht »bleibt auf euren Plätzen«, denn ein Konzert sollte ein offener und flexibler Moment sein. Und hey, ich kann das Stück immer noch ein anderes Mal ohne sie spielen (lacht).
Sie haben erwähnt, wie kostbar Ihre Abende sind. Anfang des Jahres zeigte eine Statistik, dass Sie zu den acht meist beschäftigten Pianisten der Welt gehören. Fühlt sich das so an? Und nehmen Sie sich Zeit für Familie und Freunde?
Ja, das tue ich. Und das ist tatsächlich eine der schwierigsten Aufgaben. Dabei muss man natürlich auch mal »Nein« sagen – zu Kollegen, zu Freunden –, weil man bestimmte Zeitblöcke freihalten muss.
Vergangenes Jahr habe ich versucht, im Sommer einen Monat frei zu halten. Es hat nicht ganz geklappt. Im Dezember habe ich mir ebenfalls einen Monat freigehalten, was auch sehr schwierig war. Selbst heute, während ich zu Hause bin, gibt es Anfragen von phänomenalen Orchestern. Aber man muss den Mut haben zu sagen: »Nein, ich bin zu Hause. Ich muss zu Hause sein.« Das ist schwer, weil ich natürlich gerne spielen würde. Andererseits weiß ich, dass ich die Zeit brauche, um ich selbst zu sein – ein Mensch, nicht nur ein Künstler.
Gibt es einen Ort in Berlin, den Sie schon immer besuchen wollten, aber nie wirklich dazu kommen, weil Sie so beschäftigt sind?
Das ist eine gute Frage – ich muss nachdenken. Sicherlich gibt es noch Dinge, die ich besuchen möchte. Ich müsste wohl meine Berlin-Liste anschauen. Momentan liebe ich besonders den traditionellen Spaziergang entlang der »Unter den Linden«. Ich wohne meistens in der Nähe der Philharmonie, und ich gehe gerne zu Fuß. Durch die Tore zu gehen und dann die Linden entlang zu spazieren, ist einfach wunderschön.
Mein aktueller Lieblingsort ist das Humboldt Forum. Dieses schöne neue Gebäude mit dem Ethnologischen Museum darin – der Eintritt ist frei, man kann einfach reingehen, genießen und wieder gehen. Dort gibt es erstaunliche Kunst der indigenen Völker weltweit, darunter fantastische Werke aus Kanada.
Für mich ist es der ideale Ort, weil er sich wunderbar in einen Spaziergang einfügt. Außerdem kann ich dort an einem kalten Wintertag in Berlin kurz aufwärmen, etwas Interessantes sehen und dann wieder zurück spazieren. Ein wunderschönes Gebäude, und ich habe diese neue Ergänzung sehr genossen.
Das Konzertprogramm ist umfangreich, und es ist sicherlich nicht einfach, Favoriten zu wählen. Können Sie dennoch Ihre »Top Fünf« nennen?
Als ich das Programm zum ersten Mal lernte, habe ich zum Beispiel bei Schubert gedacht: »Oh Gott, das ist so lang, so repetitiv, und es gibt so viele Wiederholungen.« Jetzt ist es eines meiner Lieblingsstücke – die Deutschen Tänze. Fantastisch! Es erzählt eine Geschichte, es bewegt sich, es macht Spaß und hat Kontraste. Wirklich großartig. Das war eine echte Überraschung für mich.
Ginastera war eine weitere große Überraschung. Das Lernen hat nicht so viel Spaß gemacht, aber das Spielen jetzt macht richtig Freude – ein Stück, das ich viel mehr genieße, als ich erwartet hätte.
Wie gesagt, Szymanowski war eine Herausforderung, und ich glaube, ich arbeite immer noch daran. Vielleicht ist es deshalb noch nicht ganz oben in meiner Rangliste.
Und natürlich – Chopin versteht sich von selbst. Alle vier kürzeren Stücke, die ich im Programm habe, sind fantastisch, und ich freue mich sehr darauf, sie zu spielen.